Verfasst von: tomtom1973 | 21. November 2010

Ritalin – eine Chance?

Nach der Diagnose folgen die Konsequenzen. Ein neuer Arzt, neue Medikamente. Mein Kopf schwirrt noch davon. Er stellt gute Fragen, scheint sich auszukennen. Er erzählt mir etwas von Fehlmedikation, die ich im Moment erhalte und paradoxen Wirkungen meiner bisherigen Medikamente, die ich ihm anscheinend passend schildere.

Ja, das ganze ist für mich auch mehr als paradox. Ich werde seit mehr als 20 Jahren behandelt. Mit den unterschiedlichsten Medikamenten. Antidepressiva, die mich wacher machen sollen, machen mich müde und schläfrig. Medikamente, die eigentlich den Appetit hemmen, machen mich hungrig und Dinge, die aufputschen sollten, machen mich ruhig. Er erklärt mir viel über den Dopaminstoffwechsel im Gehirn – ehrlich gesagt konnte ich nicht viel behalten, weil ich nicht so gut zuhören konnte. Aber ich habe mir gemerkt: Der Dopaminspiegel stimmt nicht. Ist das die biochemische Erklärung für ADHS? Er meinte ja.

Ab sofort wird die Medikation umgestellt und ich nehme Ritalin. Ich gebe meine bisherigen Medikamente auf, Schritt für Schritt. Das Absetzen von Trevilor bereitet die meisten Probleme. Ich habe das Gefühl, mein Gehirn verkrampft sich und es schießen Blitze durch meinen Kopf. Ritalin dämpft diese Symptome etwas. Allerdings bleiben migräneartige Kopfschmerzen.

Abgesehen davon verändert sich einiges. Ich werde ruhiger, zappele nicht mehr herum, kann mich besser konzentrieren und auf Dinge fokussieren. In der Arbeit kommt hier und da mal wieder ein Lob vom Chef durch und ich habe das Gefühl, dass die Zeit in der Firma schneller vergeht und auch langweilige Arbeiten besser von der Hand. In Sitzungen kann ich ruhiger sitzen und den Diskussionen folgen. Allerdings bin ich auch geräuschempfindlicher geworden.

Ich finde es ehrlich gesagt krass, dass die Einnahme eines amphetaminähnlichen Präparats, was bei anderen Menschen zu einer deutlichen Euphorisierung führt, bei mir zu einer neuen Form der Ruhe und Konzentration führt, die ich vorher noch nie erlebt habe. Ich habe das Gefühl, dass ich viele Jahre davor in einer Geisterbahn gelebt habe.

Wie ist das mit der Stimmung? Ich habe das Gefühl, dass mein Affekt trotz Jahreszeit und Berufsstress eigentlich in der MIttellage ist. Die von ADHS gewohnten Tagesschwankungen erlebe ich bislang nicht mehr unter Ritalin. Ich bin eher leicht positiv gestimmt. Wahrscheinlich macht es mich einfach froh, dass ich für mich mehr Lebensqualität gefunden habe?

Mal schauen wie es weiter geht… So macht das Leben wieder mehr Spaß!

Verfasst von: tomtom1973 | 6. September 2010

„Das Leben…

… ist wie ein warmes Bad. Je länger man drin ist, desto faltiger wird man.“ Das Zitat ist von Garfield. Auf den ersten Blick ist es lustig aber es enthält viel Wahrheit. „Was hat das jetzt mit ADHS zu tun?“ werden sich einige Fragen. Das ist recht einfach: Viel oder auch nichts.

Das Leben geht weiter, man wird älter und ADHS begleitet einen auf Schritt und Tritt. Wird ADHS auch „faltig“ habe ich mich letztens gefragt? Wahrscheinlich ja. Sie verändert sich wenn wir uns verändern. ADHS altert, zeigt neue Facetten. Sie wird vielleicht auch ein Stück weit subtiler, wie sie sich zeigt und bemerkbar macht. Ok, das zapplige bleibt heute wie damals erhalten. Die Unruhe, die Konzentrationsprobleme. Aber als Erwachsener ist man in einem gewissen Sinne freier. Man kann manchen Problemen etwas davon rennen, muss sich nicht mehr immer gesellschaftlich zwangsdisziplinieren lassen, wie als Kind von seinen Eltern und hat vielleicht ab und an auch mehr die Möglichkeit sich unangenehmen Situationen zu entziehen, da man selber entscheiden darf, wann man vom Tisch aufstehen möchte.

ADHS ist und ADHS bleibt. Ich verändere mich und damit auch die Störung. Aber sie bleibt, sie geht sozusagen mit mir ins Bad. Sie ist ein treuer Begleiter, weicht niemals von meiner Seite. Treuer als jede Partnerin, die ich je haben könnte auf dieser Welt.

Ich glaube ich wurde nie gefragt, ob ich sie je wollte, meine ADHS. Sie wurde mir mitgegeben und wurde mit mir auch groß. Jetzt leben wir, für immer aneinander gekettet. Vielleicht sollte ich mich versuchen mit ihr anzufreunden? Meine Beziehung zu ihr überdenken. Einen neuen Anfang wagen. Sie als Chance betrachten, als etwas, was mich zwar anders macht, dadurch aber auch besonders.

Vielleicht schaffe ich es ja irgendwann einmal ihr zuzuzwinkern im warmen Bad des Lebens, wenn wir weiter gemeinsam darin faltiger werden.

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